DIY Fashion – Über Konsumwahn und Vergänglichkeit

Wie tief steckst du in der Näherei eigentlich schon drin? Nähst du dir hin und wieder mal ein Teil oder besteht deine Garderobe schon zu 90% aus selbst genähten Kleidungsstücken? Ganz egal wie deine Antwort auf meine Frage auch lautet, du solltest dir unbedingt meine folgenden Gedanken zum Thema DIY Fashion durchlesen. Wenn ich jemandem (der mit dem Nähen nichts zutun hat) erzähle, dass ich meine Garderobe komplett selber nähe, kommt in der Regel folgende Reaktion: „Ja das ist ja auch sehr günstig, wenn man das kann.“

Doch um das Geld geht es mir tatsächlich nicht (wahrscheinlich gebe ich für Stoff und Co. noch viel mehr Geld aus). Vielmehr sind es Punkte, die mich faszinieren, die ich vorher gar nicht erwartet hätte. Einige von Euch haben sicher auch meinen Blogpost zum Anfang des Jahres gelesen, in dem ich von meinem Experiment geschrieben habe: 365 Tage ohne Shopping – 2017 werde ich alles selber nähen

die fashion

Jetzt ist mehr als die Hälfte des Jahres um und ich möchte mit euch ein paar Gedanken teilen, die etwas tiefer gehen:

  • Nähen vermittelt dir ein Gefühl für deinen eigenen Körper – Ja es ist wirklich so! Du musst dich zwangsläufig mit deinem Körper auseinander setzen. Bevor ich in das Thema Schnittmuster und Nähen richtig eingestiegen bin, dachte ich immer: Naja Größe 36, bisschen klein geraten, flachbrüstig.        Heute weiß ich: Nicht pauschal Größe 36, klein ist relativ, meine Beine sind im Verhältnis zu meinem Oberkörper sehr lang, mein Po ist runder als der Durchschnitt, er steht weit heraus und flachbrüstig ist eine Ansichtssache. In dem Moment, wo du dich mit deinem Maßband nackig vor den Spiegel stellst und zum Ziel hast, das perfekt sitzende Kleid zu nähen, bist du dir selbst ein Stück näher gekommen. Das bedeutet genau eine Sache: Du nimmst dich selber als etwas ganz Einzigartiges wahr. Dich gibt es nur einmal! Und das ist der erste Schritt in Richtung Selbstliebe.

 

  • Wie will ich gesehen werden? Was macht mich aus? – Ist Mode der Spiegel der Seele? Ich würde sagen, auf jeden Fall. Durch deine Kleidung trägst du eine Botschaft nach außen. Der Banker in seinem Anzug sagt: Hey, ich bin seriös. Bring dein Geld zu mir. Hier ist es sicher! Der PUNK in der Fußgängerzone sagt: Fuck the System! Ich bin nicht so wie ihr! Die graue Maus sagt: Ich möchte nicht auffallen. Was sagst du? Ich möchte mit meiner Kleidung mein Lebensgefühl zum Ausdruck bringen, mich immer wieder neu erfinden. Es heißt nicht umsonst, Kleider machen Leute. Mode ist ein wunderbarer Faktor in unserem Leben, mit dem wir selbst bestimmen, wie unsere Umwelt uns wahrnimmt. Und wie könnte man es besser unterstreichen, als wenn man seine Mode einfach selber näht.

 

  • An der Konsumschlacht nimmst du einfach nicht mehr teil – Wir bestellen 15 Kleidungsstücke zur Auswahl, es kostet ja nichts! Nur um dann am Ende vielleicht fünf zu behalten, von denen ich dann zwei wirklich gern trage. Erkennst du dich wieder? Ich habe das lange Zeit so gemacht und fand es noch nicht einmal verwerflich. Heute sehe ich das mit anderen Augen. Denn jedes Mal, wenn ein neuer Katalog ins Haus flattert oder ein neuer Newsletter ankommt wird es schwierig. Denn es ist neu und du musst es einfach haben! Wir sind der Konsumschlacht der Modegiganten verfallen. Doch das wurde mir erst bewusst, als ich mich dazu gezwungen habe damit aufzuhören. Ich gehe lockerer damit um. Mode und Trends sind noch immer ein großer Teil meines Lebens. Vielleicht noch mehr als früher, denn ich gehe bewusster damit um. Doch heute ist der Druck raus, etwas unbedingt haben zu müssen. Ich nähe das ,was ich schaffe. Nicht mehr und nicht weniger. Und die Freude an einem selbstgemachten Teil hält viel Länger als der kurze Reiz eines gekauften Kleidungsstückes.

 

  • Schneiderei ist ein Handwerk – Vielen ist gar nicht bewusst, wie toll es doch eigentlich ist, was wir hier machen. Du gehst einem uralten Handwerk nach. Dabei ist es egal, ob du gelernte Maßschneiderin bist oder dir das Nähen mithilfe von Youtube beigebracht hast. Es ist und bleibt ein Handwerk. Und auch eine einfache Leggings ist ein Designerteil. Sei stolz auf jedes Teil, was dir von der Nadel springt.

 

  • Bewusstsein für Werte und Material –  Wenn mit irgendjemand vor 6 Jahre gesagt hätte, was ich für ein enormes Wissen anhäufen würde, hätte ich ihn ausgelacht. Jede Hobbynäherin und jeder Hobbynäher entwickelt mit der Zeit ein unglaubliches Knowhow im Bereich der Bekleidungsherstellung. Es kommt natürlich immer darauf an, wie intensiv du dich damit beschäftigst und wie oft du dich an neue Materialen traust. Aber sei doch mal ehrlich? Kaufst du heute noch genauso Kleidung ein, wie früher? Oder drehst du auch erstmal alles auf links und schaust dir die Nähte an? Schon des Öfteren habe ich mich dabei erwischt, wie ich Kleidungsstücke komplett umgekrempelt habe. Heute kann ich sagen, dass mir der Wert eines hochpreisigen Kleidungsstückes (in den Fällen wo es berechtigt ist) bewusst geworden ist. In dem Moment, wo dir die erforderlichen Arbeitsschritte bis zum fertigen Kleidungsstück bewusst sind und du die Unterschiede in den Materialien kennst, hast du ein komplett anderes Bewusstsein zu deiner Kleidung.

 

Auch im letzten Jahr habe ich nur vereinzelt Kleidung für mich gekauft. Seit Anfang des Jahres war noch nicht einmal eine Socke in meinem Warenkorb. Ein kleines bisschen Stolz bin ich auf mich. Doch der Stolz bezieht sich nicht allein auf die Disziplin NICHT zu kaufen, vielmehr habe ich das Gefühl in meiner kompletten Einstellung und in meinem Leben ein Stück weiter gekommen zu sein.

Hast du dein DIY-Fashion Jahr schon eingeplant? Wenn ja, freue ich mich sehr über deine Erfahrungen. :*

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10 Responses
  • Katha
    August 4, 2017

    Wirklich schön geschrieben, du hast so recht!
    Auf mich trifft das so tatsächlich auch absolut zu. Ich erinnere mich aber auch an Zeiten, in denen ich einfach um des Nähens willen genäht habe. Oder weil diesen einen bestimmten Schnitt oder Stoff eben alle gerade vernäht haben. Das Bewusstsein, wie ich es heute habe, hat sich erst mit der Zeit entwickelt. Und mir geht es – was Mode betrifft – einfach nur gut damit. Ich vermisse die Zeiten des ausgiebigen Shoppen gehens überhaupt nicht 🙂

    Liebe Grüße!

  • Judith
    August 4, 2017

    Ein ganz toller Post! Ich finde ihn auch sehr motivierend mich noch weiter mit dem nähen und allem was dazu gehört zu beschäftigen. In vielen Sachen, die du zum Kleidung kaufen beschreibst, finde ich mich wieder.

    Liebe Grüße 🙂

  • Sarah
    August 4, 2017

    Ich bin vor 103 Tagen eingestiegen nichts zu kaufen und ich musste gerade eben wirklich nachdenken ob Tag 100 schon war.
    Kosmetik hab ich gleich noch mit abgeschafft und mich von unnötigen Lidschatten Lippenstift und co getrennt.
    Du hast mich inspiriert.
    Ich gebe für Stoff definitiv mehr aus als früher. Aber im Mittel für Kleidung ja nichts. Jetzt muss ich gestehen ein paar gestrickte Kniestrümpfe allerdings handmade.
    Es ist ein befreiende Gefühl nicht von der Stange leben zu müssen. Entweder es passt oder wird zur Kleiderschrank Leiche. Die Mitbewohner sind allerdings mitgereisten ausgezogen.
    Danke dir für diese tolle Idee.
    Ich glaube sogar du hast meine Lebenseinstellung damit verändert.

  • Patricia von Sewing Lookbook
    August 4, 2017

    Ich habe es schon häufiger gelesen und finde es super spannend.

    ABER: Was machst du zum Beispiel mit Socken, Unterwäsche, (Fein)Strumpfhosen?

  • Jenny
    August 5, 2017

    Das trifft in vielen Teilen auch meine Erfahrungen. Es ist schon Wahnsinn, was das für eine Schlacht ist mit dem Klamottenkauf. Ich versuche seit Anfang des Jahres auch bewusster zu konsumieren und nähe sehr viele meiner Klamotten selber. Merke auch, dass diese Teile einfach länger Bestand haben und ich richtig stolz drauf bin. Mein letztes größeres Projekt war sogar eine Jeansjacke. Ich hätte niemals gedacht, dass ich so etwas kann. Aber man wächst an seinen Herausforderung. Daher kann ich deine Ansichten nur unterstreichen 😉

    LG, Jenny

  • La Gazelle rosé
    August 5, 2017

    Mir geht es ähnlich. Im Laden scanne ich erst mal wie der Schnitt ist und wie es vernäht ist. Und wenn mir etwas nicht passt, kann ich inzwischen ziemlich gut erkennen, woran es liegt.
    aber auch auf der Straßen schaue ich, wenn mir ein Kleidungsstück gefällt wie ca. Der Schnitt ist. Um dann zu schauen, wie ich es am besten nachnähen kann. 🙂
    Lg, Beccy

  • Metterlinm
    August 6, 2017

    2015 war mein erstes Jahr ohne Shoppen- meine Auflage war, das ich nur das nicht kaufe, was ich auch selbermachen kann. Und bei mir musste auch erst die Sockenschublade fast leer sein, bis ich nach einem dreiviertel Jahr neue Socken gekauft habe. Auch 2016 war ich noch voll dabei, bis ich auf Grund meiner Schwangerschaft plötzlich andere Hosen brauchte, aber so müde war, das ich nach der Arbeit einfach einschlief. Auch heute kaufe ich nur in ganz, ganz seltenen Ausnahmefällen, auch für meinen Sohn nicht. Ja, die Zeit hat mich verändert, das Nähen ja eh. Wie du schreibst: Man sieht den Wert eines jeden Kleidungsstückes! Aber nicht nur bei Kleidung, sondern auch bei vielen anderen Gegenständen, die wir so tagtäglich benutzen und kaufen.
    Ich fand und finde es jedenfalls viel einfacher, als ich vorher dachte 🙂
    Viele Grüße,
    Marina

  • Schneiderherz
    August 9, 2017

    🙂 Danke für Deinen Beitrag. Vor allem der Part mit dem Handwerk, der Wertschätzung und auch mit dem „sich selber kennen lernen“ ist so ein toller Teil vom Sefish-Sewing

    Mir stellt sich zwischendurch nur immer wieder auch die Frage:
    Verlagern wir Nähwütigen den Konsumwahn inkl. Vergänglichkeit teilweise nicht doch nur?!

    Ich hatte Anfang 2016 einen Blogbeitrag zur „Genügsamkeit beim Nähen“ geschrieben.
    http://schneiderherz.blogspot.de/2016/01/genugsamkeit-beim-nahen.html

    Denn auch wenn wir Selberschneider uns so freuen (und auch gern mal loben), dass wir Konsumverzicht betreiben und uns nicht von den Modeketten und kurzlebigen Trends beeinflussen lassen- so ist doch auch bei Stoffen und Schnitten zu beobachten, dass ein Trend den nächsten jagt.
    Und am Ende werden eben auch wieder Dinge gekauft, nur weil sie „in“ sind und nicht, weil es der eigene Stil oder kreative Selbstbestimmung ist.

    Liebe Grüße
    Ute

    • La Bavarese
      August 9, 2017

      Liebe Ute, da muss ich dir wirklich zustimmen! In der Nähcommunity herrschen nämlich immer mehr ganz stark die eigenen Trends und man sieht etliche Beiträgen zum gleichen Schnitt oder Stoff, so dass teilweise die doch so schöne Individualität beim Nähen verloren geht…. LG Anja

  • La Bavarese
    August 9, 2017

    Liebe Kira! Erst einmal – was für ein toller Beitrag! Wahnsinnig gut geschrieben! Ich schaffe es leider noch nicht meine Garderobe selbst zu nähen. Dazu fehlt mir einfach die Zeit, da ich immer noch zu viele andere Hobbies im Kopf habe Aber ich bewundere das bei dir total und stimme dir so zu. Man lernt seinen Körper wirklich kennen, auf eine ganz andere Art und Weise. Und was ich teilweise schon mehr als Fluch als als Segen sehe, ist wirklich tatsache, dass ich beim Shoppen fast mit nichts mehr zufrieden bin :D. Da ist das Material für den Preis Müll und mies verarbeitet ist in der Massenproduktion sowieso alles. Zu Hause beim selbst nähen würde man das sofort auftrennen und niemals so anziehen. Ich finde es total toll, dass du es nun schon ein halbes Jahr durchgehalten hast! LG Anja

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